Warum wir lesen

Wir lesen, um zu fliehen. Das ist die einfachste Antwort auf eine komplexe Frage. Aber wohin fliehen wir? Und wovor?

Das Buch ist ein merkwürdiges Ding. Es ist gleichzeitig Spiegel und Fenster. Im Lesen erkennen wir uns selbst – in den Gedanken einer fiktiven Figur, in den Worten eines längst verstorbenen Autors. Und zugleich öffnet sich ein Fenster in eine andere Welt, ein anderes Leben, einen anderen Geist.

Die Neurowissenschaft bestätigt, was Leser schon immer wussten: Beim Lesen aktivieren sich dieselben Hirnregionen wie bei realen Erfahrungen. Wer von einem rennenden Protagonisten liest, dessen motorischer Kortex reagiert, als würde er selbst rennen. Das Buch ist keine Flucht aus der Realität – es ist eine Erweiterung der Realität.

Doch es geht um mehr als Neuronen. Es geht um Empathie. In einer Welt, die zunehmend in Echo-Kammern zerfällt, bietet Literatur eine der letzten Möglichkeiten, tatsächlich in fremde Köpfe zu schlüpfen. Nicht oberflächlich, nicht für Sekunden, sondern für Stunden, für hunderte Seiten.

Der amerikanische Kritiker Harold Bloom sprach vom anxiety of influence – der Angst vor dem Einfluss anderer Autoren. Doch als Leser sollten wir keine Angst vor dem Einfluss haben. Wir sollten ihn suchen. Jedes Buch verändert uns, macht uns zu anderen Menschen. Minimal vielleicht, aber messbar.

Das ist vielleicht der wahre Grund, warum wir lesen: nicht um zu fliehen, sondern um anzukommen. Bei uns selbst, bei anderen, bei Gedanken, die wir allein nie gedacht hätten.

Am Ende ist das Lesen ein Akt der Hoffnung. Die Hoffnung, dass Worte Brücken bauen können zwischen Zeiten, zwischen Menschen, zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte.